Liebe auf den zweiten Blick

Ich wusste immer das ich etwas Kreatives machen wollte. Ein „normaler“ Job schien mir nie erstrebenswert.
Egal wie oft Mama und Papa zu ermutigen versuchten „Mach doch lieber etwas Vernünftiges, etwas Sicheres!“ Etwas Vernünftiges. In den Ohren einer 18 Jährigen klingt das irgendwie nach ´Etwas langweiliges´. Und sicher? Wie sicher können die vernünftigen Jobs schon sein? So sicher wie die Kündigungsfrist lang ist? Das waren für mich keine Argumente. Also besuchte ich eine Schule für Gestaltung. Mein eigentliches Ziel war die Ausbildung zur Mediengestalterin. Doch es dauerte nicht lang bis mir erste Zweifel kamen. Jeden Tag acht Stunden und mehr vor dem PC sitzen- wollte ich das wirklich? Mir fehlte der Kontakt zu Menschen. Doch was jetzt? Meine Ausbildung beinhaltete ein Praktikum meiner Wahl. Meine damals beste Schulfreundin, die liebe Sandra, die vielleicht jetzt mitließt 😉 entschied sich für ein Praktikum beim Fotografen. Stolz zeigte sie mir Ihre Praktikumsmappe, berichtete vom Fotostudioalltag, zeigte Ihre ersten eigenen Bilder. Ganz nett. Aber irgendwie wollte der Funke nicht überspringen. Und obwohl es nicht Liebe auf den ersten Blick war- Sandra ist der Grund das ich heute tue was ich tue. Ohne Sie wäre ich nie auf die Idee gekommen! Meine Mutter liebte es zu fotografieren. Ständig schleppte Sie Ihre Kamera mit. Ständig sollten alle um sie herum posieren. Sich drehen, Haare aus dem Gesicht, Kopf hoch, Kopf runter. Totaaaaal nervig! Und genau deshalb verband ich die Fotografie ehr mit etwas Lästigem, als etwas Schönem. Kurz um- Fotograf werden? Wer Lust darauf hat. Ich hatte es nicht!

Die Ausbildung endete, die Jobsuche begann. Und wie der Zufall will, fast ohne mein zutun bot man mir eine stellvertretende Fillialleitung an. In- jaja, ihr könnt es euch denken – einem Fotostudio. Ok. Ein Versuch schadet ja nicht. Und Geld verdienen muss man ja auch. So zog ich aus Thüringens Kleinstadt nach Düsseldorf. Irgendwie hatte mein Chef bereits nach einer Woche Wichtigeres zu tun als mich anzulernen. Da stand ich also, frisch von der Ausbildung, in einem 120 qm Fotostudio. Ohne Chef. Ohne Angestellte. Ohne Druck. Ich war frei. Und ich liebte es! Ich probierte einfach alles aus- vom Passbild, über Hochzeitsfotos, Portraits, Events, Babys. Einfach alles. Bis heute empfinde ich diese Mischung als das Schönste in meinem Beruf. Kontakt zu Menschen, technisch orientiertes arbeiten und gleichzeitg Raum für kreative Ideen. Nach kurzer Zeit kam Praktikant Fabian dazu, ich hatte Unterstützung und Gesellschaft. So macht Arbeit einfach Spaß 😀

Nur einer hatte keinen Spaß- mein Chef. Ich und mein neuer Kollege kamen bestens alleine zurecht. Grund zur Freude für den Chef, sollte man meinen. Der war davon aber gar nicht begeistert. Dann lehnte ich auch noch eine Essenseinladung ab (What? Mit dem Chef??? Ähm, ne. Muss nicht sein). Das war der Anfang vom Ende meines neuen Traumjobs. Es gab nur noch Streit, Willkür und Ärger. Ich schmiss hin. Das Fotostudio wurde einige Monate später geschlossen.

Jetzt stand für mich fest was ich machen wollte- Ich wollte Fotograf sein! Ich fand schnell einen Job in einem anderen Studio- tolle Kollegen, miese Bezahlung (ja, ich glaube die war wirklich schon sittenwidrig) und ein Chef zum abgewöhnen. Ich schmiss hin. Schon wieder. Ich hatte die Nase voll. Und nicht nur ich- mein Freund (heute Mann) schmiss sein Studium. „Ich bin hier fertig. Ich gehe zurück nach Hause. Kommst du mit?“ Ich liebte meine neue Wahlheimat. Aber beruflich hatte ich dort nichts mehr zu erwarten. „Ja, ich komme mit.“

Ich schrieb wieder Bewerbungen, wurde zu Gesprächen eingeladen, hätte als Fotografin arbeiten können. Arbeiten, aber kaum davon leben. Man bot mir ungelogen eine Fillialleitung für monatliche 800 € an, Überstunden und Wochenenden selbstverständlich inklusive (immerhin 150 € mehr als beim letzten Job).
„Auf keinen Fall. Dann bleibe ich lieber zu Haus und ziehe wieder zu meinen Eltern. Oder ich mache mich selbstständig.“ Ich entschied mich für zweitens. Die beste Entscheidung die ich treffen konnte!

Ich verdiene auch heute keine riesen Beträge, ich arbeite noch immer 8-12 Stunden täglich, manchmal noch mehr. Das hat sich nicht geändert. Aber heute fotografie ich nicht mehr für meinen Chef und längst nicht mehr Dinge die ich „hässlich“ finde. Ich tuhe es für mich, weil ich es liebe. Und für Euch- die meine Bilder lieben. Und darin finde ich jeden Tag aufs Neue die abolute Erfüllung…

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